Leseprobe aus: „Ermano Marietti“ von Walo C. Ilg

Als Ermano des Morgens früh in seinem Ankleidezimmer, welches sich im Keller seines Hauses befand, vor sorgfältig geordneten Anzügen – fein säuberlich und systematisch gereiht mit passendem Hemd, Krawatte und Schuhen – sich für den Besuch der Messe einkleidete und rüstete – als Berner mit Tessiner Vorfahren war er gläubiger und praktizierender Katholik geblieben –, läutete plötzlich heftig die Türglocke. Unwillig, aber beunruhigt, streifte er rasch das Paletot[1] über und eilte zur Türe, die ihm beim Öffnen gleich entgegengedrückt wurde, so dass er zwischen Wand und Türe eingeklemmt war, als Maria Galatti fuchtelnd und wütend parlierend in sein Logis stürmte. Ermano war völlig überrumpelt und begriff zuerst überhaupt nichts. Das erste, was er dem süditalienischen Dialekt der Maria entnahm, war ein wüster Protest gegen die Allgemeine Versicherungsgesellschaft, deren Vertreter er doch sei – gewesen sei, konterte Ermano im Tessiner Dialekt, den Maria nicht eigentlich gut verstand, ebenso wenig wie er den ihrigen, so dass sie sich urplötzlich eines Idioms bediente, den sie wohl für Berner Dialekt hielt:

„Du mio ser schissen mit Sicherung! Terror nix sichert“[2], eine Bemerkung, die den ratlosen Ermano nur mässig aufklärte, ja recht eigentlich beunruhigte, weil Maria dazu noch das spitze Ende ihres Gehstocks auf seiner Brust platziert hatte, auf welchen sie im lebhaften Duktus ihres Sprachschwalles rhythmisch Druck ausübte, was Ermano eher lästig dünkte, so dass er die Spitze des Stockes ergriff und mit einer energischen Bewegung von seiner Brust abwendete. Diese Bewegung brachte Maria völlig aus dem Gleichgewicht, sie liess sich in einen Sessel plumpsen und begann zu heulen. Ermano fühlte sich sehr unbehaglich, wusste er doch nicht, wie er mit der schluchzenden Frau, die gleichzeitig Unverständliches stammelte, umgehen sollte, ergriff für einen kurzen Moment mitfühlend ihre Hand, was den Heulfluss etwas eindämmte, und rettete sich nach der Ankündigung, er hole Kaffee, in die Küche. Zwischenzeitlich hatte sich Maria wieder etwas gefasst, nahm einen Schluck aus der ihr gereichten Tasse, was Ermano die Möglichkeit gab zu fragen, was denn eigentlich geschehen sei.

Zusammengefasst ergab sich, was der Leser bereits weiss und was sich vor ihrem Haus abspielte, als die Omelette die ihr eigentlich als Heimat bestimmte Bratpfanne verlassen hatte, um auf dem Haupt eines waschechten, ruhigen und grundsätzlich gmögigen[3] Berners zu landen, wo sie dann von Fahnder Erni unerschrocken und kühnen Griffes behändigt wurde.

Das war für Ermano in dieser lapidaren und prosaischen Kürze der Ereignisse neu, weil das Lokalfernsehen die Sache eben ganz wesentlich dramatisiert hatte.

[1] Jacke
[2] „Du hast mich beschissen mit dieser Versicherung! Terrorakte sind nicht versichert.“
[3] gmögig: berndeutsch für „verträglich“