Leseprobe aus „Hanspeter Zablonier – Die Biografie eines Unrechts“ von Walo C. Ilg

Eine Familie wird gesprengt

Hanspeter Zablonier lugte erstmals am 1. Juli 1970 auf die Landschaft von Sargans, oder vielleicht auch des Walensees. Genau weiss er es selber nicht, und es wird ihm wohl damals ebenso einerlei gewesen sein wie die Tatsache, dass es ausgerechnet die Schweiz war, in der er seine ersten Atemzüge tat. Und ebensowenig ahnte er, wie brutal die Schweiz an ihm und seiner Familie handeln würde.

Noch dämmerte er dahin in seiner kleinen Welt, seiner Wiege und am Busen seiner Mutter, die ihn wärmte und nährte.

Doch die Welt war nicht heil, besonders nicht für Jenische, die den Behörden verdächtig waren; denn die hatten keinen festen Wohnsitz, zogen umher und lebten liederlich. Nach Ansicht der wohlmeinenden Behörden galt es, ihre armen Kinder in gefestigte Verhältnisse zu platzieren, wo sie nach der löblichen Devise „Arbeit macht frei!“ durch Zucht und Ordnung zu rechtschaffenen, das heisst arbeitenden Bürgern erzogen werden sollten, selbstverständlich unter Anwendung von Prügeln.

Die Mutter von Hanspeter, geborene Gruber, war jenischer Abstammung. 1968 arbeitete sie mit neunzehn Jahren als Servicekraft in Igis, einer Bündner Gemeinde in der Region Landquart. Dort lernte sie den 24jährigen Metzgergesellen Hanspeter Zablonier kennen, der aus Obermutten, einer Gemeinde in der Region Viamala stammte. Sie verliebten sich und gründeten eine Familie: Der Erstgeborene war Hanspeter junior. Zwei Jahre später, am 28. Juni 1972, folgte eine Schwester, wiederum ein Jahr später ein Bruder am 21. Juni 1973, und den Abschluss machte am 19. August 1974 die kleine Schwester. Der häusliche Frieden hielt sich im landläufigen Masse, die wirtschaftlichen Verhältnisse auch. Die Rollenverteilung war die damals übliche: Der Vater arbeitete, während die junge Hausfrau und Mutter zuhause blieb und zu den Kindern schaute. Insofern konnten die Zabloniers dadurch, dass sie sesshaft geworden waren, auch nicht mehr als Jenische betrachtet werden.

Dennoch blieben sie der „fürsorglichen“ Behörde suspekt: Man weiss nie, wann die Stimme des Blutes sich wieder erhebt! „Administrer c’est prevoir!“[1] Zwar war das Programm „Kinder der Landstrasse“ 1973 unter dem Druck der Öffentlichkeit eingestellt worden, doch dies hielt eine anständige Behörde nicht davon ab, im wohlverstandenen Interesse seiner anvertrauten Volkssubjekte präventiv zu handeln. 1926 hatte Alfred Siegfried, der Gründer dieses segensreichen Programms, wie folgt argumentiert: „Wer die Vagantität erfolgreich bekämpfen will, muss versuchen, den Verband des fahrenden Volkes zu sprengen, er muss, so hart das klingen mag, die Familiengemeinschaft auseinanderreissen.“ Diese warmherzigen Worte müssen wohl in den Köpfen der Vormundschaftsbehörden nachgehallt haben, weshalb man sich behördlicherseits nichts weiter dabei dachte, jenischen Familien die Kinder zu entziehen. Dies geschah 1974 freilich nicht mehr unter dem Titel „Kinder der Landstrasse“. Das Zivilgesetzbuch bot dafür ausreichend Gründe, durfte doch den Eltern das Sorgerecht entzogen werden wegen pflichtwidrigen Verhaltens, dauernder Gefährdung oder ganz allgemein bei Verwahrlosung. In diesem Ermessensbereich – weitgehend ein Sumpf aus Moralin – konnte die Vormundschaftsbehörde jederzeit einen „handfesten“ Grund finden, solche Kinder ihren Eltern zu entziehen, um sie an die vorherrschende mehrheitsgesellschaftliche Lebensweise anzupassen, zuvörderst sie zu „brauchbaren“ Arbeitern für die Gesellschaft zu formen. Um Unterstützung für dieses barmherzige Vorhaben mussten die Vormundschaftsbehörden nicht bangen. Fürsorgestellen, Lehrer, Pfarrer und gemeinnützige Einrichtungen sprangen ihnen in Wort und Tat bei. Den „armen“ Kindern galt es zu helfen, denn auch sie hatten als Kinder Gottes Anspruch auf dessen Gnade, mochte sie auch noch so hart sein!

[1] franz.: Verwalten heisst vorausschauen