Leseprobe aus: „Gedankenklang“ von Sven Hinz

Weit draußen...

Meine Radiostation steht unter Palmen auf einer winzigen Insel im Südpazifik. Die Insel ist so klein, dass man sie an einem Tag umrunden kann; man denke an den Planeten des Kleinen Prinzen. Am Morgen läuft man los, es ist angenehm kühl, die Sonne blendet noch nicht auf dem ziemlich glatten Ozean. Links liegen die Mangroven, und rechts schäumen friedfertige Brecher heran. Es wird ein schwülheißer Tag werden, also besser den Strohhut mitnehmen und mehrere Literflaschen mit kühlem Quellwasser.

Die Sendungen meiner Radiostation können überall auf der Welt in gleichbleibend hoher Qualität jederzeit empfangen werden. Die Signale sind absolut störungsfrei. Von außen sieht mein Sender aus wie eine gewöhnliche Strohhütte, aber sie ist aus Stahlbeton, mit einer riesigen Fensterfront nach Süden, aufs Meer. Beton und fugenlos schließende Türen, falls eine Flutwelle über die Insel hereinbrechen sollte. Ich muss mich nicht darum kümmern, in einem solchen Fall die Türen rechtzeitig zu verschließen. Die Automatik der Türen und Fenster ist an Seismographen gekoppelt, die in einem Ring von dreihundert Kilometern im Radius um die Insel herum angeordnet sind.

Ich weiß nicht, wer mein Programm empfängt, aber es werden einige Menschen in allen Ländern dieser Erde sein, denn ich bekomme häufig von ihnen eMails. Mein Computer sortiert sie automatisch nach Kategorien wie Freude, Lob, Dankbarkeit, Überraschung und deren Gegenteil. Ich lese sie fast alle, und einige beantworte ich.

Ich weiß, dass mein Programm überall verstanden wird, denn mein Computer übersetzt fast zeitgleich meine Moderationen korrekt in jede beliebige Sprache, und zwar genau mit der Klangfarbe und dem Ausdruck meiner Stimme.

Ich sende nicht jeden Tag, und es gibt kein Programmschema. Es kann vorkommen, dass von meiner Insel monatelang keine Funkwellen ausgehen. Dann wieder bin ich vierundzwanzig Stunden on air, kündige Sendungen an, die auch eingehalten werden, denke mir neue Formate und Konzepte aus. Mein Sender muss sich nicht um Einschaltquoten und Hörerzahlen kümmern, es gibt keine Werbung und keine Nachrichten.

Zu den Sprachen, in denen gesendet wird, zählt auch Latein. Es gibt bestimmt Menschen, die das schätzen.

Manchmal lese ich etwas vor, gelegentlich singe ich was, aber meistens spiele ich Musik. Mittels drahtlosem Internet habe ich Zugriff auf jedes jemals gespielte Musikstück, ich kann nach beliebigen Kriterien suchen und auswählen. Wenn Menschen so freundlich sind, mir ihre selbstgemachte Musik zu schicken, dann sende ich sie auch. Manchmal sofort, manchmal erst nach Jahren.

Nicht nur Musik, sondern auch Geräusche. Es kann sein, dass ich tagelang nichts als Kieselsteinklänge sende, entweder selbsterzeugte oder von irgendwo auf der Welt.