Leseprobe aus: „La Bonne du Chateau“ von Sonja Gurt-Nigg

Doppelt genäht hält besser

Cognac ist immer wieder für eine Überraschung gut. Zweimal hat die klii Krott [1] es fertiggebracht, die Badezimmertür zu öffnen und frischfröhlich durch den Gang im ersten Stock in die Bibliothek zu kriechen. Bei Schlossführungen können wir neu die unglaubliche Geschichte von unserem vierbeinigen Gschpenschtli [2] zum Besten geben. Es ist ja nicht aussergewöhnlich, dass Behinderungen oft mit anderen Talenten und Geschicklichkeiten wettgemacht werden. Dass dies auch unserer kämpferischen Cognac gelingt, freut uns enorm.

Da mein Grosszügiger es mit den Viechern speziell gut meint und alle nach Strich und Faden mit goodies verwöhnt, hat dies dazu geführt, dass sich Cognac ein richtiges Wohlstandsbäuchlein angefressen hat. Weil die Fütterung seit meinem Unfall Mark obliegt, erinnert unsere Brunzpoppa [3] nun eher an einen Buddha als an ein Kätzchen. Jetzt ist régime angesagt, denn zu viel Speck um den Bauch ist ungesund. 3,6 Kilogramm Glück im Arm zu halten, ist wundervoll, aber auch wenn das Dickerchen weniger wiegt, ist das Glück deswegen nicht kleiner.

 Unsere Pferde Ducat und Zarek bringen es fertig, wenn sie angebunden darauf warten, gestriegelt und geputzt zu werden, die mit einem Spezialknoten befestigten Stricke zu lösen. Den letzten Clou hat Zarek geboten, als er einen Striptease hinlegte. Als der Stallknecht am Morgen den nackten Zarek und irgendwo in einer Ecke sein verkroglets „Nachthemd‟ vorfand, traute er seinen Augen nicht. Es ist uns ein Rätsel, wie er es geschafft hat, aus der satt anliegenden Pferdedecke zu schlüpfen, zumal diese unter dem Bauch mit zwei Verschlüssen versehen ist, die selbst für uns Menschen gar nicht so einfach ein- und auszuklicken sind.
Im Dezember hat es zweimal geschneit. Der erste Schnee blieb einen Tag liegen, und als Frau Holle später ein bisschen kräftiger schüttelte, konnten wir drei Tage lang die weisse Pracht bewundern. Es ist am besten, zu Hause zu warten, bis sich alles wieder normalisiert hat. Wer wie wir in einem Nest in der Nordcharente lebt, weiss das und findet es ganz normal, dass es nicht anders ist.

Mit unserer treuen Freundin Erika verbringen wir friedvolle Jahresendtage ohne Hektik und Rummel. Sie begleitet Mark auf den Hundespaziergängen. Cognac, Cannelle und Houppette leisten mir Gesellschaft. Es ist so was von niedlich, die drei achtmonatigen

Wollknäuel zu beobachten. Cognac liebt es, den beiden anderen die Ohren und das Fell zu putzen. Sie schmiegt ein Pfötchen mit sanftem Druck um das Grindle von Houppette oder Cannelle. Wenn es Widerstand gibt, ist sie nicht zimperlich. Sie doppelt mit ihrem zweiten Pfötchen nach, und im Würgegriff wird geschleckt und geputzt, solange sie mag.

Nachdem Mark und ich zweieinhalb Monate im gîte „Le Papillon wohnten, zügeln wir wieder ins Schloss. Cognac ist darüber sicher froh, denn nun schnarchen wieder zwei im Schlafzimmer neben „ihrem‟ Badezimmer, und sie fühlt sich nicht mehr so einsam.

Wir freuen uns auf den Frühling 2011. Mein Chefgärtner widmet sich begeistert den Gartenarbeiten, während sich Madame Humpelbein nun auch draussen ohne Krücken fortbewegen kann. Es ist ein wohltuendes Gefühl, auch wenn jeder Schritt vorsichtig gesetzt werden muss. Meine nettere Hälfte meint, mein Gang würde ihn an Charly Chaplin erinnern. Was für ein Motivationsschub, mit einer so berühmten Persönlichkeit verglichen zu werden!

[1] kleine Kröte (zärtliche Bezeichnung) 
[2] kleines Gespenst
[3] nicht stubenreines Kleinkind