Der Mensch ist des Menschen Lemming.
Die kollektive oder horizontale Dummheit

Nichts gibt so sehr das
Gefühl der Unendlichkeit
als wie die Dummheit.
(Horvath)


Bildung macht den Menschen (wieder) gut: Das war der Traum der europäischen Aufklärung und der deutschen Klassiker gewesen. Gymnasialprofessoren hatten ihm zu Ehren Generationen künftiger Ingenieure und höherer Beamter und Herrenreiter den Eros altgriechischer Grammatik eingebläut. In den Ideologien des 20. Jahrhunderts war die Volks- bzw. Klassen-Bildung in ihrem doppelten Sinne zum Albtraum mutiert, doch noch die 68er klammerten sich hoffnungsfroh an den Strohhalm, man könne durch die Besserung der Verhältnisse (sozial) und des Bildungsstandes (individuell) auch den Menschen als solchen bessern. Der Mensch sei „eigentlich“ gut, und Bildung habe die Aufgabe, ihn zu diesem Gutsein zu befreien und zu befähigen. Was „es“ indes war, das
ihn dem Paradies entfremdet hat – wir lassen es dahingestellt.

Denn ob der post-rousseausche gereinigte Tor einem Engel oder einem Schimpansen ähnlicher sähe, können wir nicht seriös entscheiden, auch wenn wir einen klaren Verdacht hegen. Auch auf das Marionettentheater-Paradoxon, gerade durch Bildung dem Sündenfall der Verbildung entgegenwirken und das verlorene Paradies rekonstituieren zu wollen, weisen wir nur als Kuriosum hin. Wir wollen vielmehr dem Bildungsgedanken zugute halten, dass er sich weigert, den Menschen von vornherein als des Menschen Affen zu sehen, sondern ihm die dumme Rohheit durch Bildung austreiben möchte.

Bildung also als Mittel gegen die Dummheit, deren Praxis die Rohheit ist: Das war ein schöner Gedanke gewesen in einer Zeit, als man noch glauben durfte, dass das Wünschen hülfe. Heute dagegen? Auf einen Bildungs-Impfstoff gegen das Virus der Dummheit ist weniger denn je zu hoffen nach den neueren und neuesten Ernüchterungen. Bildung veredelt den Menschen: aber wenn er gar nicht edel sein will? Wenn er sich in seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit recht gemütlich eingerichtet hat? Wenn er an seinen trostreich dummen Vorurteilen klammert wie das Kind am Kuschelbär? Wenn er, in die Enge getrieben, seine Wunderwaffe wider die lästigen Aufklärer abfeuert, das Zauberwort „verkopft“? Denn „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen […] gerne zeitlebens unmündig
bleiben […]. Es ist so bequem, unmündig zu sein.“1

Das Augustinische „credo, quia absurdum est“ bringt es widerstrebend auf den Punkt: Wie der Mensch aus dem Paradies des Uterus ins Absurde seiner Welt geworfen wird, so führt kein Weg zurück in die Geborgenheit seliger Unmündigkeit, wenn man sie einmal verlassen hat. Und in einer Gesellschaft, die es nach Möglichkeit jedem freistellen will, nach seiner Façon selig zu werden, wird man auch ein Recht auf
Unmündigkeit zugestehen müssen. Folglich liegt es uns Heutigen näher, „Autonomie“ als freie Autofahrt für freie Bürger zu er-fahren, als die Metamorphose zur Schönen Seele auf uns zu nehmen. Ob andererseits die alte Zeit auch die gute, selbst nur die bessere war, dürfen wir bezweifeln. Wir wollen keine Litanei über den Verfall der Kultur anstimmen und nostalgisch betrauern, was noch nie durch institutionalisierte Bildung zu heilen war – die selbstverschuldete Un-Bildung, die Rohheit. Vielmehr werden wir untersuchen, was wir hier im weiteren Sinne „unsere Kultur“ nennen wollen, nämlich einige intersubjektiv dumme Konstanten unseres Zusammenlebens und ihre prägende Rückwirkung auf uns Einzelne. Wir verlassen also das Gebiet des existenziell und allgemein Menschlichen und konzentrieren uns auf unsere moderne, aufgeklärte, liberale Dummheit.