Dummheit: Ein Existenzial?

Dummheit ist die Ignoranz im Spielen – so hatten wir unsere Bemühungen auf den Punkt gebracht. Weiterhin wissen wir, nach Metzeleien, Weltkriegen, Genoziden, Mitmensch-Ausbeutung, Mitwelt-Zerstörung, nach denen das Versagen der Menschheit als Krone der Schöpfung kaum noch widerlegt werden kann: Der Traum unserer Klassiker, durch „Bildung“ die leidenden Menschen von der Geißel ihrer Dummheit zu erlösen, dürfte wohl ausgeträumt sein. Dass Dummheit in unserem Sinne genuin menschlich sei, hatten wir bereits festgestellt. Unsere Frage wäre nun, ob wir Dutzendmenschen zu schafsdumm sind, um den hehren Ansprüche der Aufklärer genügen zu können, oder ob wir schlicht nicht willens sind, von unserer Dummheit zu lassen. Der Mensch sei nur(!) dann ganz Mensch, wenn er spiele, meinte Schiller: Aber wenn genau dem nicht so wäre?


Wir können die Alternative auch abstrakter formulieren: Ist Dummheit, wie wir sie verstehen, ein intellektueller Mangel – oder ist sie eine psychologische Konstante des Menschseins? Unser vorläufiges Modell bestand in der Unterscheidung von Schafs- und Hundsdummheit. Mangelnde Intelligenz wird sich ihres Mangels eben wegen dieses Mangels kaum bewusst werden können und hat das Privileg, selbstzufrieden blökend in sich zu ruhen, solange sie nicht von außen gestört wird. Hundsdummheit dagegen befindet sich im Dauerzustand der Verteidigung des Status quo oder des Angriffs für das Gute – Hundsdummheit bedeutet latenten Krieg. Dabei hatten wir angemerkt, dass diese Alternative keine absolute sein kann. „Die“ nur Schafs- oder Hundsdummen schlechthin gibt es nicht. Das Modell ist ein Modell, das dem strukturellen Verstehen helfen soll, aber noch keine adäquate Beschreibung von Wirklichkeit. In der Terminologie unserer Dummheits-Analytik: Es ist ein Spiel-Zeug. 

Schafsdummheit nämlich wird kaum jemals in sich ruhen dürfen, weil sie sich ständig mit Spielen konfrontiert und überfordert sieht – der Mensch ist selten ganz Schaf. Als Reaktion bleiben Rückzug oder Angriff: Das fremde Spiel wird zur Bedrohung, Gegenspieler zu Feinden, Schafsdummheit zu Hundsdummheit. Entsprechend nährt sich der Spielunwille der Hundsdummheit auch aus der schieren Überforderung durch Spiele: Ihr Dünger ist die Schafsdummheit. Wir sehen also: Intellekt und Psyche sind nicht zu trennen. Das liest sich so banal, dass man es als Satz kaum stehen lassen mag. Wenn wir uns aber an die Brockhaus-Definition von Dummheit oder an die Auffassungen des so genannten gesunden Menschenverstandes erinnern, bemerken wir, dass wir uns um Einiges davon entfernt haben. Wir könnten der Alltagsauffassung geradewegs widersprechen, indem wir sagen:

Höhere Dummheit ist immer auch eine psychische Disposition.

Wir fügen hinzu: Dummheit kann sich auf oberstem intellektuellen Niveau ereignen. Unser Kronzeugen-Beispiel sei nochmals der Krieg, hier wieder im engeren Sinne verstanden, dessen Motivation technischen Erfindergeistes der Menschheit von jeher gewaltigen „Fortschritt“ bescherte. Ohne den Fanatismus ihrer Krieger wäre die Menschheit technologisch kaum dort, wo sie ist. Und da ferner, auch das sagten wir
bereits, das Raisonnement über niedrige Intelligenzquotienten eher unerquicklich ist, sind es die individualpsychologischen Seiten der Dummheit, die uns des Weiteren beschäftigen werden.

Bevor wir fortfahren mit dem Problem der je individuellen Dummheit, sollten wir noch einige Atemzüge lang die Geduld aufbringen, uns zu vergegenwärtigen, wo wir stehen. Dummheit sei Struktur, die es zu begreifen gelte, so hatten wir gefunden. Nicht allein die Dummheit der einzelnen Menschen wollten wir messen, sondern im Gegenteil das Phänomen von eben diesen Einzelnen zu abstrahieren lernen. Andererseits glauben wir an die Kraft von Beispielen, die unser aller wechselseitiges Leiden an der Dummheit erst sinnlich und dringlich machen. Wir konstatieren zudem: Immer wieder lenken uns diese Beispiele, so sehr wir das Gegenteil beteuern mögen, zur Betrachtung des Individuums, des Ich. Und wenn wir uns wieder einmal daran erinnern, dass Dummheit, wie wir sie bis hierher zu verstehen gelernt haben, etwas genuin Humanes ist, und da wir ferner wissen, dass wir unsere abendländische Existenz vereinzelter Ichs zwar kritisch reflektieren, aber nie selbst aus ihr heraustreten können, bietet es sich an, das Ich-Problem frontal anzugehen. Auch deswegen werden wir den folgenden Teil unserer Unternehmung je meiner Dummheit widmen, in der Zuversicht, von diesem Basislager aus weiter ins Reich der Dummheit vordringen zu können. Denn ein wenig mit uns selbst zu spielen wollen wir uns gönnen, angesichts eines so ernsten Themas.